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Sehkraft unter GLP-1-Therapie: Wie ein verdoppeltes Risiko bei einem sehr seltenen Ereignis zu lesen ist

Semaglutid wird mit NAION in Verbindung gebracht, einer seltenen Durchblutungsstörung des Sehnervs. Was Behörden festgestellt haben, warum verdoppelt hier wenige Fälle bedeutet und was es mit den Klagen in den USA auf sich hat.

Hinweis: Dieser Artikel dient der neutralen Gesundheitsinformation und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die genannten Wirkstoffe und Präparate sind verschreibungspflichtig oder befinden sich teilweise noch in klinischer Entwicklung. Dosiva spricht keine Empfehlung für ein bestimmtes Arzneimittel aus. Ob und welche Therapie geeignet ist, muss individuell ärztlich entschieden werden.

Sehkraft unter GLP-1-Therapie: Wie ein verdoppeltes Risiko bei einem sehr seltenen Ereignis zu lesen ist
Symbolbild (KI-generiert)
Verdoppelt klingt nach Alarm. Bei einem Ereignis, das einen von zehntausend trifft, bedeutet es einen zusätzlichen Fall unter zehntausend.

Kaum eine Formulierung führt so zuverlässig in die Irre wie „verdoppeltes Risiko”. Sie ist meistens richtig und fast immer missverständlich. Dieser Beitrag rechnet sie für ein konkretes Beispiel aus.

Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Gesundheitsinformation und ersetzt keine ärztliche Beratung. Alle genannten Arzneimittel sind verschreibungspflichtig. Über Nutzen und Risiken einer Behandlung entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt. Dosiva gibt keine individuellen Therapieempfehlungen und rät ausdrücklich davon ab, eine Therapie ohne ärztliche Rücksprache zu verändern. Die Angaben beziehen sich auf den 9. August 2026. Am 26. September 2026 ergänzt um den Stand der Klagen in den USA, die Stellungnahme der US-Augenärzteverbände und den Stand der Fachinformationen.

Worum es geht

NAION steht für nichtarteriitische anteriore ischämische Optikusneuropathie. Dahinter steht eine Durchblutungsstörung am Kopf des Sehnervs. Typisch ist ein plötzlicher, schmerzloser Verlust der Sehschärfe oder ein Gesichtsfeldausfall auf einem Auge, häufig beim Aufwachen bemerkt.

Wichtig für die Einordnung: NAION gibt es unabhängig von Arzneimitteln. Sie tritt gehäuft bei Menschen mit Diabetes, Bluthochdruck und Schlafapnoe auf. Das sind genau die Merkmale, die auch bei vielen Menschen vorliegen, die eine GLP-1-Therapie erhalten.

Was festgestellt wurde

Eine retrospektive Studie, veröffentlicht in JAMA Ophthalmology, beschrieb erstmals einen Zusammenhang zwischen Semaglutid und NAION. Diese Arbeit löste die weitere Prüfung aus.

Die Europäische Arzneimittelagentur kam zu dem Ergebnis, dass die Anwendung von Semaglutid mit einem sehr seltenen Risiko für NAION verbunden ist. Die britische Arzneimittelbehörde teilte im Februar 2026 mit, dass die Erkrankung sehr selten mit Semaglutid in Verbindung stehen kann, und nannte eine Größenordnung von bis zu 1 von 10.000 Behandelten.

Neuere Auswertungen bei Menschen mit Typ-2-Diabetes finden ein etwa verdoppeltes Risiko gegenüber Vergleichsgruppen. Die Autorinnen und Autoren betonen dabei ausdrücklich, dass dieses Risiko deutlich kleiner ausfällt als in den ersten Berichten.

Die Rechnung

Hier lohnt sich der Rechenweg, weil er auf viele andere Meldungen übertragbar ist.

Ein Ereignis trifft ohne Arzneimittel etwa einen von zehntausend. Verdoppelt sich dieses Risiko, trifft es etwa zwei von zehntausend. Der Zuwachs beträgt also einen zusätzlichen Fall je zehntausend Behandelte und Jahr.

Dieselbe Zahl lässt sich als „Risiko verdoppelt” oder als „ein zusätzlicher Fall unter zehntausend” ausdrücken. Beides ist korrekt. Die erste Formulierung erzeugt Angst, die zweite ermöglicht eine Abwägung.

Wer eine Therapie erwägt, braucht die zweite. Wer eine Überschrift schreibt, nimmt die erste.

Was daraus folgt

Für die allermeisten Behandelten folgt daraus keine Änderung. Ein sehr seltenes Ereignis bleibt auch verdoppelt sehr selten, und der Nutzen der Behandlung wird davon nicht berührt.

Aufmerksamkeit verdient die Gruppe mit erhöhtem Ausgangsrisiko. Wer bereits eine Durchblutungsstörung des Sehnervs hatte, wer an einer unbehandelten Schlafapnoe leidet oder wer einen schlecht eingestellten Blutdruck hat, startet nicht bei einem von zehntausend. Bei einem höheren Ausgangswert wirkt sich derselbe relative Faktor absolut stärker aus. Das ist ein Gespräch, das vor Therapiebeginn geführt gehört.

Unabhängig davon gilt: Ein plötzlicher schmerzloser Sehverlust auf einem Auge ist ein augenärztlicher Notfall. Diese Regel steht für sich und hat mit der Frage nach dem Arzneimittel nichts zu tun.

Neu seit August: die Klagen in den USA

In den USA klagen Menschen, die unter einem GLP-1-Medikament eine NAION erlitten haben, auf Schadensersatz. Im Dezember 2025 hat das zuständige Bundesgremium diese Klagen in einem eigenen Sammelverfahren gebündelt, einer sogenannten Multidistrict Litigation mit der Nummer 3163, am Bundesbezirksgericht in Philadelphia bei Richterin Karen S. Marston. Den Vorschlag von Eli Lilly, die Augenfälle in das bestehende, deutlich größere GLP-1-Sammelverfahren mit über 4.000 Klagen einzugliedern, lehnte das Gremium ab.

Stand
anhängige Klagen am 1. September 2026216
BeklagteNovo Nordisk und Eli Lilly
betroffene Wirkstoffe laut GerichtSemaglutid, Liraglutid, Dulaglutid, Tirzepatid
Vorwürfeunzureichende Warnung, fehlerhafte Konstruktion, Verletzung von Gewährleistungspflichten

Im Juli 2026 hat das Gericht angeordnet, zwei Fragen vorzuziehen: ob die Medikamente eine NAION überhaupt verursachen können, und ob die Warnhinweise ausreichten beziehungsweise ob Bundesrecht die Klagen sperrt. Anträge dazu sind nicht vor 2027 zu erwarten. Ein Urteil gibt es nicht.

Klagen sind Vorwürfe der klagenden Seite. Über die Frage, ob die Medikamente NAION verursachen, sagen sie nichts, bevor ein Gericht darüber entschieden hat. Für Menschen in Deutschland ändern sie an der Therapieentscheidung nichts. Bemerkenswert ist ein anderer Punkt: Laut ABC News vom 21. September 2026 verlangt die US-Arzneimittelbehörde FDA bislang keinen NAION-Hinweis in den US-Fachinformationen. In Europa steht er seit 2025 darin.

Was Behörden und Fachgesellschaften inzwischen sagen

  • Europa: Die Einstufung der Europäischen Arzneimittelagentur vom Juni 2025 gilt unverändert. Die Fachinformation von Semaglutid nennt ein etwa zweifaches Risiko bei Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes und sieht vor, die Behandlung abzubrechen, wenn eine NAION bestätigt ist. Neue Bewertungen hat es seit August nicht gegeben.
  • Tirzepatid: In der europäischen Fachinformation steht NAION nicht.
  • Deutschland: Einen Rote-Hand-Brief zu NAION unter GLP-1-Medikamenten gibt es nicht.
  • US-Augenärzteverbände: Die neuroophthalmologische Fachgesellschaft NANOS und die American Academy of Ophthalmology halten in einer gemeinsamen Stellungnahme ein kleines, etwa zweifach erhöhtes Risiko unter Semaglutid für möglich, aber nicht für bewiesen. Die Stellungnahme wurde im März 2026 verabschiedet und erschien im August in der Fachzeitschrift Ophthalmology.
  • Der Widerspruch: Anders als die europäische Fachinformation empfehlen NANOS und die American Academy of Ophthalmology nicht, Semaglutid nach einer NAION grundsätzlich abzusetzen. Ein Abbruch könne für manche Patientinnen und Patienten selbst erhebliche Gesundheitsrisiken bedeuten. Sie raten zu einer gemeinsamen Entscheidung von Patientin oder Patient und Behandlungsteam.

Für Menschen, die bereits eine NAION hatten, bleibt der Hinweis aus dem ersten Teil dieses Artikels: Das gehört vor Beginn einer Therapie ausdrücklich ins Gespräch. Nach der Stellungnahme der Augenärzteverbände bekommt bis zu ein Viertel der Betroffenen im Lauf der Zeit auch am zweiten Auge eine NAION, unabhängig von Medikamenten.

Unsere Haltung

Dass dieses Risiko in die Fachinformation aufgenommen wurde, obwohl es sehr selten ist, halten wir für richtig, und zwar unabhängig davon, wie klein die Zahl ist.

Wir halten es zugleich für notwendig, die Größenordnung mitzuliefern. Ein Risiko zu benennen und die Häufigkeit wegzulassen, ist keine Aufklärung, sondern eine Verlagerung der Verantwortung. Wer nur hört, dass ein Arzneimittel das Erblindungsrisiko verdoppelt, kann keine Abwägung treffen. Er kann nur Angst haben oder abwinken.

Beides führt zu schlechteren Entscheidungen als eine Zahl, die man einordnen kann.

Quellen

Kein Medizinprodukt. Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche oder pharmazeutische Beratung.