Therapie & Medizin
GLP-1 bei Kindern: Was der G-BA entschieden hat und was am Küchentisch passiert
Was für Kinder und Jugendliche zugelassen ist, was der G-BA zu Tirzepatid beschlossen hat, was eine neue Auswertung zu Nährstoffmängeln unter GLP-1-Therapie zeigt und was die ersten Daten zu Semaglutid unter zwölf Jahren taugen.
Hinweis: Dieser Artikel dient der neutralen Gesundheitsinformation und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die genannten Wirkstoffe und Präparate sind verschreibungspflichtig oder befinden sich teilweise noch in klinischer Entwicklung. Dosiva spricht keine Empfehlung für ein bestimmtes Arzneimittel aus. Ob und welche Therapie geeignet ist, muss individuell ärztlich entschieden werden.
Kein Zusatznutzen belegt ist ein Satz über eingereichte Unterlagen, kein Satz über Kinder.
Aktualisiert am 26. September 2026: Die Zulassungstabelle ist korrigiert. Liraglutid ist zur Gewichtsreduktion bereits ab sechs Jahren zugelassen, in der ersten Fassung stand hier zwölf. Neu sind zwei Abschnitte zu einer Auswertung über Nährstoffmängel und zu ersten Daten von Semaglutid bei Kindern unter zwölf Jahren, dazu die Empfehlungen der überarbeiteten Leitlinie.
Zwei Meldungen aus der vergangenen Woche gehören zusammen, auch wenn sie in verschiedenen Ressorts standen. Am 20. August 2026 hat der Gemeinsame Bundesausschuss über Tirzepatid bei Jugendlichen entschieden. Zwei Tage zuvor hatten Medien über Eltern berichtet, die ihre eigenen Abnehmspritzen an ihre Kinder weitergeben.
Die eine Meldung handelt von einem Verfahren, das kaum jemand versteht. Die andere von etwas, das an Küchentischen passiert und in keinem Verfahren auftaucht.
Was der G-BA beschlossen hat
Der Beschluss lautet: Für Tirzepatid ist bei Kindern und Jugendlichen von 10 bis 17 Jahren mit Diabetes mellitus Typ 2 ein Zusatznutzen nicht belegt.
Der Grund steht in der Begründung und ist wichtiger als der Beschluss selbst. Das pharmazeutische Unternehmen hat keine geeigneten vergleichenden Studiendaten vorgelegt, mit denen sich der Nutzen gegenüber der zweckmäßigen Vergleichstherapie hätte messen lassen. Als Vergleichstherapie hatte der G-BA unter anderem Metformin, Humaninsulin, Liraglutid, Dulaglutid und SGLT-2-Hemmer festgelegt. Das IQWiG war in seiner Vorbewertung im Juni 2026 zum selben Ergebnis gekommen.
Damit ist die entscheidende Unterscheidung benannt:
| Was der Beschluss sagt | Was er nicht sagt |
|---|---|
| Die eingereichten Unterlagen erlauben keinen Nutzenbeleg | Dass der Wirkstoff bei Jugendlichen nicht wirkt |
| Es fehlen vergleichende Daten | Dass der Wirkstoff unsicher wäre |
| Es geht um die Erstattungsverhandlungen im GKV-System | Dass die Zulassung entfällt |
Die arzneimittelrechtliche EU-Zulassung von Tirzepatid für Typ-2-Diabetes ab zehn Jahren bleibt bestehen. Das Verfahren der frühen Nutzenbewertung nach § 35a SGB V entscheidet nicht darüber, ob ein Medikament auf den Markt darf, sondern darüber, was die Solidargemeinschaft dafür zahlt.
Kein Zusatznutzen belegt ist ein Satz über eingereichte Unterlagen, kein Satz über Kinder. Wer ihn als medizinisches Urteil liest, liest ihn falsch. Das gilt in beide Richtungen: Er ist weder ein Freispruch noch eine Warnung.
Was für Minderjährige überhaupt zugelassen ist
Hier wird es unübersichtlich, weil sich Wirkstoff, Handelsname, Indikation und Altersgrenze überkreuzen. Der Stand nach den europäischen Fachinformationen:
| Wirkstoff | Handelsname | Zugelassen für Minderjährige | Wofür |
|---|---|---|---|
| Semaglutid | Wegovy | ab 12 Jahren | Adipositas, gebunden an Körpergewicht über 60 kg und BMI ab der 95. Altersperzentile |
| Liraglutid | Saxenda | ab 6 Jahren | Adipositas; von 6 bis unter 12 Jahren gebunden an BMI ab der 95. Altersperzentile und mindestens 45 kg, ab 12 Jahren an Körpergewicht über 60 kg |
| Tirzepatid | Mounjaro | ab 10 Jahren | ausschließlich Typ-2-Diabetes |
| Semaglutid | Ozempic | nicht zugelassen | nur Typ-2-Diabetes bei Erwachsenen |
Daraus folgt: Tirzepatid zur Gewichtsreduktion bei Jugendlichen ist off-label. Ozempic bei Jugendlichen ist off-label, egal wofür. Off-label heißt nicht verboten, sondern außerhalb der Zulassung, mit entsprechend verlagerter Verantwortung und Haftung bei der verordnenden Person.
Die Zulassung von Wegovy für Jugendliche stützt sich auf die Studie STEP TEENS, veröffentlicht 2022 im New England Journal of Medicine. Dort sank der BMI unter Semaglutid 2,4 mg über 68 Wochen im Mittel um 16,1 Prozent, unter Placebo stieg er um 0,6 Prozent. Gastrointestinale Nebenwirkungen traten bei 62 Prozent der Jugendlichen unter Semaglutid auf, unter Placebo bei 42 Prozent.
Wichtig an dieser Studie ist der Rahmen: Die Jugendlichen erhielten das Medikament nicht allein, sondern zusätzlich zu einer strukturierten Lebensstilintervention. Genau dieser Rahmen fehlt bei dem, worüber die zweite Meldung handelt.
Was am Küchentisch passiert
Medien berichten über Eltern, die ihre eigene verordnete Abnehmspritze an ihr Kind weitergeben, und über Versuche, Rezepte für Jugendliche ohne medizinische Indikation zu bekommen. Als Motive werden Sorge vor Ausgrenzung und der Druck aus sozialen Netzwerken genannt.
Diese Berichte sind ernst zu nehmen, und sie sind zugleich das, was sie sind: Berichte. Repräsentative Zahlen für Deutschland liegen nicht vor. Privatrezepte werden nicht zentral erfasst, und wer ein Medikament innerhalb der Familie weiterreicht, taucht in keiner Statistik auf. Wie verbreitet das ist, weiß niemand. Das gehört zu einer ehrlichen Einordnung dazu, auch wenn es die Geschichte weniger griffig macht.
Was sich unabhängig von der Häufigkeit sagen lässt, ist, warum es bei Kindern schwerer wiegt als bei Erwachsenen.
Erstens laufen Wachstum und Entwicklung noch. Eine deutliche Kalorienreduktion in dieser Phase betrifft nicht nur Fettgewebe, sondern die gesamte Nährstoffversorgung in einem Zeitraum, in dem der Körper Substanz aufbaut.
Zweitens ist das Jugendalter der Lebensabschnitt mit dem höchsten Risiko für die Entstehung von Essstörungen. Eine Gewichtsbehandlung ohne psychologische Begleitung kann in dieser Phase etwas anstoßen oder verstärken, das schwerer zu behandeln ist als das Ausgangsproblem.
Drittens fällt bei der Weitergabe die ärztliche Beurteilung komplett weg. Sie ist nicht nur eine Formalie. Sie klärt, ob überhaupt eine Indikation besteht, welche Dosis angemessen ist, wie langsam aufdosiert wird und welche Vorerkrankungen dagegensprechen. Ein Erwachsenenpen enthält eine Erwachsenendosis.
Fachgesellschaften in der Kinder- und Jugendmedizin und der Adipositasbehandlung vertreten deshalb übereinstimmend die Position, dass eine medikamentöse Behandlung bei Minderjährigen nur innerhalb eines multimodalen Programms sinnvoll ist: Ernährung, Bewegung, Verhaltenstherapie, ärztliche Begleitung. Das Medikament ist darin ein Baustein, nicht die Behandlung.
Der Punkt, an dem beide Meldungen sich treffen
Und hier entsteht ein Widerspruch, den man aushalten muss.
Für Jugendliche mit ausgeprägter Adipositas gibt es seit einigen Jahren eine zugelassene medikamentöse Option, eingebettet in ein Programm, mit Kontrollen und Begleitung. Bezahlt wird sie von der gesetzlichen Krankenversicherung nicht. Der Ausschluss nach § 34 SGB V für Arzneimittel zur Regulierung des Körpergewichts gilt unabhängig vom Alter. Wer den begleiteten Weg gehen will, zahlt ihn selbst.
Der unbegleitete Weg dagegen kostet nichts extra. Der Pen liegt im Kühlschrank.
Haltung von dosiva: Wir halten den pauschalen Lifestyle-Ausschluss nach § 34 SGB V für falsch und treten dafür ein, ihn zu streichen und stattdessen nach ärztlicher Notwendigkeit zu erstatten. Bei Minderjährigen zeigt sich besonders deutlich, was der Ausschluss anrichtet: Er verteuert genau den Weg, der Begleitung, Kontrolle und Sicherheit mitbringt, und lässt den ungeprüften Weg unberührt. Diese Position ist schärfer als die der Fachgesellschaften und ausdrücklich als unsere Haltung gekennzeichnet, nicht als Studienergebnis.
Neu seit September: Nährstoffmängel im ersten Behandlungsjahr
Am 17. September 2026 erschien in der Fachzeitschrift Childhood Obesity eine Auswertung von US-Abrechnungsdaten aus den Jahren 2017 bis 2022. Untersucht wurden 2.031 Jugendliche zwischen 10 und 17 Jahren, im Mittel 15, die eine GLP-1-Therapie begannen und vorher keinen dokumentierten Nährstoffmangel hatten. Die meisten erhielten Liraglutid (78,6 Prozent), die übrigen Dulaglutid oder Semaglutid. Rund zwei Drittel hatten einen Typ-2-Diabetes.
| Innerhalb eines Jahres nach Therapiebeginn | Anteil |
|---|---|
| mindestens ein Nährstoffmangel oder eine Folgekomplikation | 16,8 % |
| Vitamin-D-Mangel | 12,4 % |
| ernährungsbedingte Blutarmut | 1,55 % |
| Blutarmut durch Eisenmangel | 1,44 % |
Eine Ernährungsberatung erhielten in den ersten 30 Tagen nach Therapiebeginn 5 Prozent, innerhalb eines halben Jahres 23,3 Prozent. Der an der Studie beteiligte Forscher Justin Ryder vom Lurie Children’s Hospital in Chicago begründet die Arbeit damit, dass man die Risiken in Phasen schnellen Wachstums und der Pubertät verstehen müsse. Die Autoren empfehlen, die Ernährung schon beim Start der Therapie einzubeziehen.
Zur Einordnung gehören drei Punkte:
- Gezählt wurde, was abgerechnet wurde. Ein Mangel taucht nur auf, wenn jemand Blut abgenommen und eine Diagnose gestellt hat. Wo nicht getestet wurde, fehlt er in den Daten, und wo mehr getestet wurde, taucht er häufiger auf.
- Es gab keine Vergleichsgruppe ohne GLP-1-Medikament. Wie viel der Mängel auf das Medikament zurückgeht und wie viel auf die Ausgangslage, kann die Studie nicht trennen.
- Die Finanzierung. Bezahlt hat die Auswertung Abbott Nutrition, fünf der sechs Autoren arbeiten für Abbott. Das Unternehmen stellt Ernährungsprodukte her. Die Zahlen werden dadurch nicht falsch, die Empfehlung zur Ernährungsbegleitung liest man aber mit diesem Hintergrund.
Was Eltern daraus mitnehmen können, steht in unseren Artikeln zu Laborwerten unter GLP-1-Therapie und zum Eiweißbedarf bei wenig Appetit, auch wenn beide für Erwachsene geschrieben sind.
Neu seit September: erste Daten unter zwölf Jahren
Am 7. September 2026 hat der Hersteller von Semaglutid erste Ergebnisse der Studie STEP Young veröffentlicht. Teilgenommen haben 165 Kinder von 6 bis unter 12 Jahren, mehr als 85 Prozent von ihnen mit schwerer Adipositas. Sie erhielten doppelblind Semaglutid, je nach Gewicht bis 1,7 oder 2,4 mg wöchentlich, oder Placebo, jeweils zusätzlich zu einem Programm aus Ernährung und Bewegung.
Nach 68 Wochen lagen laut Pressemitteilung 40,4 Prozent der Kinder unter Semaglutid unterhalb der Adipositas-Schwelle, unter Placebo keines. Diese Zahl braucht drei Zusätze:
- Sie gilt für den Fall, dass alle Kinder die Behandlung durchgehalten hätten. Wie viele es tatsächlich getan haben, steht nicht in der Mitteilung.
- Sie ist nicht das Hauptziel der Studie. Das war die prozentuale Veränderung des BMI. Dazu nennt der Hersteller nur, sie sei unter Semaglutid stärker gewesen, ohne Zahl.
- Es ist eine Pressemitteilung. Die vollständigen Daten sollen im November 2026 auf dem Kongress ObesityWeek in Washington vorgestellt werden. Zu Wachstum und Pubertät meldet der Hersteller keine Sicherheitsbedenken.
Für Kinder unter zwölf Jahren ist Semaglutid nicht zugelassen.
Was die überarbeitete Leitlinie verlangt
Die deutsche S3-Leitlinie zur Adipositas im Kindes- und Jugendalter liegt seit April 2026 als Konsultationsfassung vor. Zu den Medikamenten dieser Gruppe sagt sie:
- Sie können ab dem jeweils zugelassenen Mindestalter als Ergänzung zu einer leitliniengerechten Lebensstilbehandlung erwogen werden.
- Bei extremer Adipositas, also einem BMI über der 99,5. Perzentile, sollten sie in spezialisierten Zentren erwogen werden, mit engmaschiger Kontrolle und vorab festgelegten Abbruchkriterien.
- Bei einem Einsatz außerhalb der Zulassung ist eine dokumentierte Aufklärung zwingend.
- Wegen der begrenzten Langzeitdaten sollen Wachstum, Pubertätsverlauf, Essverhalten und psychosoziale Entwicklung strukturiert beobachtet werden.
Nährstoffe und Laborkontrollen nennt die Konsultationsfassung an dieser Stelle nicht. Die Auswertung aus den USA ist ein Grund, in der Praxis danach zu fragen.
Was daraus folgt
Für Eltern, die sich Sorgen um das Gewicht ihres Kindes machen, ist der Weg der gleiche wie vorher, nur mit klarerem Blick auf die Grenzen: Der Einstieg führt über die Kinderarztpraxis, nicht über den eigenen Medikamentenvorrat. Ob eine Behandlungsindikation besteht, entscheidet sich an Perzentilen, Begleiterkrankungen und dem bisherigen Verlauf, nicht am Gefühl.
Für die Einordnung von Meldungen wie der des G-BA gilt: Ein nicht belegter Zusatznutzen ist ein Verfahrensergebnis. Er sagt etwas darüber, welche Studien ein Unternehmen eingereicht hat, und nichts darüber, was einem einzelnen Kind hilft.
Quellen
- Gemeinsamer Bundesausschuss: Beschluss über die Nutzenbewertung von Tirzepatid nach § 35a SGB V, 20. August 2026.
- IQWiG: Dossierbewertung Tirzepatid bei Kindern und Jugendlichen mit Diabetes mellitus Typ 2, Juni 2026.
- Europäische Arzneimittel-Agentur: Fachinformationen zu Wegovy, Saxenda, Mounjaro und Ozempic.
- Weghuber D. et al.: Once-Weekly Semaglutide in Adolescents with Obesity (STEP TEENS). New England Journal of Medicine, 2022. DOI: 10.1056/NEJMoa2208601.
- Ärzte Zeitung, 20. August 2026: Tirzepatid: G-BA sieht keinen nachgewiesenen Zusatznutzen bei jugendlichen Typ-2-Diabetikern.
- Frankfurter Rundschau, 18. August 2026: Bericht über die Weitergabe von Abnehmspritzen durch Eltern.
- Sozialgesetzbuch V, § 34 Absatz 1 (Ausschluss von Arzneimitteln zur Regulierung des Körpergewichts) und § 35a (frühe Nutzenbewertung).
- Europäische Arzneimittel-Agentur: Saxenda, Anwendungsgebiete für Kinder von 6 bis unter 12 Jahren und Jugendliche ab 12 Jahren, abgerufen am 26. September 2026.
- Kerr K. W., Chang A. T., Sulo S., Stutts J. T., Panchalingam T., Ryder J. R.: Nutritional Deficiencies, Complications, and Nutrition Therapy/Counseling in Pediatric Patients Using GLP-1 Receptor Agonists. Childhood Obesity, online 17. September 2026. DOI: 10.1177/21532176261486979. Finanziert von Abbott Nutrition.
- The Pharmaceutical Journal, 23. September 2026: Children taking GLP-1s can be at risk of nutritional deficiencies, study finds.
- Ann & Robert H. Lurie Children’s Hospital of Chicago, Pressemitteilung vom 21. September 2026.
- Novo Nordisk, Unternehmensmitteilung vom 7. September 2026: Ergebnisse der Phase-3-Studie STEP Young. Studienregister NCT05726227.
- AWMF: S3-Leitlinie Therapie und Prävention der Adipositas im Kindes- und Jugendalter, Version 5.0, Konsultationsfassung April 2026, Empfehlungen 27_1 und 27_2 (Registernummer 050-002).
Kein Medizinprodukt. Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche oder pharmazeutische Beratung.