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Herz- und Nierenwerte in der Apotheke: Was die Hamburger Machbarkeitsstudie prüft

Eine Machbarkeitsstudie prüft, ob sich Nieren- und Stoffwechselwerte in der Apotheke bestimmen lassen. Was die Werte sagen und wo die Grenzen liegen.

Herz- und Nierenwerte in der Apotheke: Was die Hamburger Machbarkeitsstudie prüft
Symbolbild (KI-generiert)
Eine Machbarkeitsstudie beantwortet, ob ein Angebot umsetzbar ist und angenommen wird. Ob es Krankheitsverläufe verbessert, ist eine andere Frage.

Blutwerte werden üblicherweise in der Arztpraxis bestimmt. In Hamburg prüft eine Machbarkeitsstudie derzeit, ob sich ein Teil dieser Werte auch in einer Apotheke erheben lässt, und zwar bei Menschen ohne bekannte Herz- oder Nierenerkrankung. Gemessen werden Nierenwerte, Blutfette und der Langzeitblutzucker. Für Menschen mit Adipositas oder erhöhtem Stoffwechselrisiko ist das ein naheliegendes Thema, denn genau in diesen Bereichen können sich Veränderungen lange entwickeln, ohne Beschwerden zu verursachen. Zugleich lohnt der genaue Blick darauf, was eine Machbarkeitsstudie überhaupt beantworten kann.

Wichtiger Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Gesundheitsinformation und ersetzt keine ärztliche Beratung. Ein einzelner Messwert ist keine Diagnose. Die Einordnung von Laborwerten und die Entscheidung über weitere Schritte gehören in ärztliche Hände. Dosiva gibt keine individuellen Empfehlungen und bewirbt keine Angebote einzelner Apotheken.

Inhaltsverzeichnis

  1. Wie die Studie aufgebaut ist
  2. Was die gemessenen Werte aussagen
  3. Warum diese Werte bei Adipositas eine Rolle spielen
  4. Was die Studie nicht beantwortet
  5. Die Kehrseite der Früherkennung
  6. Was das für Menschen mit Adipositas oder unter GLP-1-Therapie bedeutet
  7. Ein offener Punkt in der Beschreibung der Studie
  8. Unsere Haltung zur Erstattungsfrage
  9. Fazit

Wie die Studie aufgebaut ist

Die Studie trägt den Titel „Auf Herz und Nieren geprüft“. Konzipiert und durchgeführt wird sie von Dr. Dorothee Michel, der Inhaberin der Markt-Apotheke Eidelstedt in Hamburg, gemeinsam mit Dr. Dorothee Dartsch. Gefördert wird das Vorhaben von der Förderinitiative Pharmazeutische Betreuung. Der Start lag im Juni, geplant ist eine Laufzeit von einem Jahr.

Teilnehmen sollen 300 Personen ab 18 Jahren ohne bekannte Herz- und Nierenerkrankungen. Ausgeschlossen sind ausdrücklich Menschen mit diagnostiziertem Diabetes, mit koronarer Herzerkrankung und mit peripherer arterieller Verschlusskrankheit (pAVK). Das Angebot richtet sich also an Menschen ohne entsprechende Diagnose und nicht an Patientinnen und Patienten, die deswegen bereits behandelt werden.

Für die Messung wird Kapillarblut aus der Fingerbeere entnommen. Das Ergebnis liegt innerhalb von 13 Minuten vor. Das erklärte Ziel besteht darin zu prüfen, ob sich ein solcher Früherkennungs-Service in einer Apotheke umsetzen lässt und ob er von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern angenommen wird.

Was die gemessenen Werte aussagen

Erfasst werden zwei Bereiche. Für die Nierenfunktion sind das Serumkreatinin und die geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) vorgesehen. Für Herz-Kreislauf und Stoffwechsel werden HDL, Triglyceride, Gesamtlipide, das errechnete LDL sowie der HbA1c bestimmt.

WertWas er beschreibt
SerumkreatininAbbauprodukt aus dem Muskelstoffwechsel, das über die Nieren ausgeschieden wird. Dient als Ausgangsgröße für die Einschätzung der Nierenfunktion.
eGFR (geschätzte glomeruläre Filtrationsrate)Rechnerischer Schätzwert dafür, wie viel Blut die Nieren in einer bestimmten Zeit filtern. Gebräuchlicher Kennwert für die Nierenfunktion.
HbA1cAnteil des roten Blutfarbstoffs, an den Zucker gebunden ist. Bildet den durchschnittlichen Blutzucker der vergangenen etwa zwei bis drei Monate ab.
HDLTransportform von Cholesterin im Blut, die Cholesterin aus dem Gewebe zurück zur Leber führt.
LDL (errechnet)Weitere Transportform von Cholesterin, die zum Herz-Kreislauf-Risikoprofil gehört. In dieser Studie wird der Wert nicht direkt gemessen, sondern berechnet.
TriglycerideHäufigste Fettform im Blut. Sie stammt aus der Nahrung und wird im Körper gespeichert.
GesamtlipideSummarischer Wert der Blutfette, der zur Gesamteinordnung des Lipidprofils herangezogen wird.

Diese Werte beschreiben Zustände, sie stellen keine Diagnose. Ob ein Wert im Einzelfall auffällig ist, hängt von Alter, Vorgeschichte, Medikation und weiteren Befunden ab. Grenzwerte aus dem Internet taugen deshalb nicht als Selbstbeurteilungsraster.

Warum diese Werte bei Adipositas eine Rolle spielen

Adipositas ist eine chronische Erkrankung. Sie geht mit einem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes, für Nierenerkrankungen und für Herz-Kreislauf-Erkrankungen einher. Diese Zusammenhänge betreffen den Stoffwechsel und die Regulation im Körper, sie sind kein Ausdruck von Willensstärke und keine Frage des Lebensstils allein.

Für die genannten Folgeerkrankungen gilt eine Gemeinsamkeit: Sie entwickeln sich häufig über längere Zeit, ohne dass Beschwerden auftreten. Eine nachlassende Nierenfunktion bemerkt man in frühen Stadien in der Regel nicht. Auch ein langsam steigender Langzeitblutzucker macht sich zunächst nicht bemerkbar. Genau daraus leitet sich die Idee der Früherkennung ab: Eine Entwicklung soll auffallen, bevor sie Beschwerden verursacht.

Ob dieser Gedanke im Ergebnis zu besseren Krankheitsverläufen führt, ist damit allerdings noch nicht gesagt.

Was die Studie nicht beantwortet

Hier liegt der zentrale Punkt für die Einordnung. Es handelt sich um eine Machbarkeitsstudie an einem einzigen Standort mit 300 geplanten Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Sie prüft, ob sich ein solcher Service im Apothekenalltag umsetzen lässt und ob Menschen ihn annehmen. Sie ist nicht darauf angelegt zu zeigen, ob eine Früherkennung in der Apotheke Krankheitsverläufe verbessert, Folgeerkrankungen verhindert oder die Sterblichkeit senkt.

Dieser Unterschied ist keine Formalie. Umsetzbarkeit und Akzeptanz sind Voraussetzungen dafür, dass ein Angebot überhaupt existieren kann. Über den gesundheitlichen Nutzen sagen sie nichts aus. Für eine belastbare Aussage zum Nutzen bräuchte es Untersuchungen mit deutlich größeren Teilnehmerzahlen, mit Vergleichsgruppen und mit einer langen Beobachtungsdauer.

Hinzu kommt eine weitere Grenze: Ein einzelner Standort mit einem eigens dafür qualifizierten Team lässt keine Aussage darüber zu, wie ein solches Angebot in der Fläche funktionieren würde.

Die Kehrseite der Früherkennung

Früherkennung hat eine bekannte Kehrseite, die zu einer sachlichen Darstellung dazugehört. Ein auffälliger Einzelwert kann verunsichern, auch wenn keine Erkrankung vorliegt. Er kann weitere Untersuchungen nach sich ziehen, die sich am Ende als nicht erforderlich herausstellen. Messwerte schwanken zudem, unter anderem abhängig von Flüssigkeitszufuhr, Muskelmasse, akuten Infekten oder dem Abstand zur letzten Mahlzeit.

Umgekehrt kann ein unauffälliger Wert eine trügerische Sicherheit vermitteln. Er beschreibt einen Zeitpunkt, keinen Verlauf.

Beides spricht nicht grundsätzlich gegen Messungen. Es spricht dafür, ein Ergebnis als Anlass für ein ärztliches Gespräch zu behandeln und nicht als Befund, der für sich allein steht.

Was das für Menschen mit Adipositas oder unter GLP-1-Therapie bedeutet

Für Menschen unter einer Therapie mit GLP-1-Rezeptoragonisten sind Nierenfunktion und Stoffwechselwerte ohnehin Teil der ärztlichen Verlaufskontrolle. Wer bereits in Behandlung ist, braucht kein zusätzliches Parallelangebot, sondern eine verlässliche Verlaufskontrolle bei der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt. Dort liegen Vorbefunde, Medikation und Krankengeschichte vor, ohne die sich ein einzelner Wert kaum einordnen lässt.

Ein Angebot in der Apotheke ersetzt diese Kontrolle nicht. Es könnte allenfalls ein zusätzlicher, niedrigschwelliger Zugang für Menschen sein, bei denen bisher überhaupt nicht gemessen wurde. Genau in diese Richtung weisen die Ausschlusskriterien der Hamburger Studie: Sie wendet sich an Menschen ohne diagnostizierten Diabetes, ohne koronare Herzerkrankung und ohne pAVK.

Eine Adipositas-Diagnose allein ist dabei kein Ausschlusskriterium, solange keine der genannten Erkrankungen bekannt ist. Für Menschen, die wegen einer dieser Diagnosen bereits behandelt werden, ist die relevante Frage ohnehin eine andere: nicht, wo gemessen wird, sondern ob die vereinbarten Kontrollen regelmäßig stattfinden und ob die Ergebnisse im Verlauf besprochen werden.

Ein offener Punkt in der Beschreibung der Studie

Eine Frage bleibt in der verfügbaren Berichterstattung unbeantwortet: wie mit auffälligen Ergebnissen weiter verfahren wird. Der Bericht der Pharmazeutischen Zeitung nennt keine ausdrückliche Regelung dazu, wie Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit auffälligen Werten an die ärztliche Versorgung übergeben werden, wer die Ergebnisse einordnet und wie eine mögliche Weiterbehandlung angebahnt wird.

Das ist keine Kritik am Studienkonzept, sondern eine Feststellung über das, was aus der zugänglichen Quelle nicht hervorgeht. Für die Bewertung eines Früherkennungsangebots ist dieser Punkt jedoch wesentlich, denn ein Messwert entfaltet erst dann eine Bedeutung, wenn geklärt ist, was danach geschieht.

Unsere Haltung zur Erstattungsfrage

Was jetzt folgt, ist die Haltung unserer Redaktion. Sie ist ausdrücklich keine Aussage der zitierten Studie, sondern eine politische Forderung.

Früherkennung ist nur so viel wert wie die Behandlung, die auf einen auffälligen Befund folgen kann. Und genau hier klafft in Deutschland eine Lücke, die uns stört.

Nierenwerte, Blutfette und Langzeitblutzucker zu messen, ist sinnvoll, weil ein erhöhtes Körpergewicht das Risiko für Nierenerkrankungen, Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht. Wird jemand in einem solchen Angebot auffällig, lautet die medizinisch naheliegende Konsequenz häufig, die Grunderkrankung zu behandeln. Doch die medikamentöse Behandlung der Adipositas ist nach § 34 Absatz 1 SGB V von der Erstattung ausgeschlossen, weil das Gesetz Arzneimittel zur Regulierung des Körpergewichts als Lifestyle-Arzneimittel einstuft. Der Gemeinsame Bundesausschuss hat sie entsprechend in Anlage II der Arzneimittel-Richtlinie aufgenommen.

Wir suchen früh nach den Folgen einer Erkrankung und verweigern zugleich die Erstattung ihrer Behandlung. Beim Diabetes, der aus derselben Entwicklung entsteht, zahlt die Kasse dann selbstverständlich. Es ist, als würde man den Rauchmelder finanzieren und die Feuerwehr erst schicken, wenn das Haus brennt.

Adipositas ist eine anerkannte chronische Erkrankung, kein Willensproblem. Ein Gesetz, das ihre Behandlung über den Zweck statt über die Diagnose bewertet, entwertet außerdem die ärztliche Beurteilung, weil es die Frage der medizinischen Notwendigkeit pauschal vorwegnimmt, bevor sie im Sprechzimmer gestellt werden kann.

Wir fordern deshalb die Streichung des Lifestyle-Ausschlusses in § 34 Absatz 1 SGB V. Ob eine medikamentöse Adipositastherapie erstattet wird, muss die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt nach medizinischer Notwendigkeit entscheiden. Diese Forderung geht bewusst weiter als das, was die Fachgesellschaften derzeit vertreten. Wir kennzeichnen sie deshalb überall als unsere Haltung und nicht als Studienlage.

Fazit

In einer Hamburger Apotheke wird derzeit geprüft, ob sich Nierenwerte, Blutfette und der Langzeitblutzucker niedrigschwellig erheben lassen und ob ein solches Angebot angenommen wird. Für Menschen mit Adipositas oder erhöhtem Stoffwechselrisiko sind genau diese Werte relevant, weil sich Veränderungen an Nieren, Blutzucker und Blutfetten lange ohne Beschwerden entwickeln können.

Die nüchterne Einordnung lautet: Die Studie prüft Machbarkeit und Akzeptanz, nicht den gesundheitlichen Nutzen einer Früherkennung. Ein einzelner Messwert ist keine Diagnose, und die Einordnung eines Befunds gehört in ärztliche Hände. Wer bereits behandelt wird, etwa unter einer GLP-1-Therapie, ist mit der etablierten Verlaufskontrolle in der Praxis weiterhin am besten aufgehoben. Hintergrund zum Krankheitsbild selbst bietet unsere Grundlagenseite zur Adipositas.

Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Bei Beschwerden oder Fragen zu Laborwerten wenden Sie sich an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt.

Zur Einordnung: Dosiva ist ein digitales Tagebuch zur eigenständigen Dokumentation einer ärztlich verordneten Therapie. Die App speichert und zeigt ausschließlich selbst eingegebene Angaben und erinnert an selbst gesetzte Termine. Sie stellt keine Diagnose, gibt keine Behandlungs-, Therapie- oder Dosisempfehlung, nimmt keine medizinische Bewertung, Überwachung oder Vorhersage vor und ersetzt nicht die ärztliche Beratung.

Quellen

Kein Medizinprodukt. Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche oder pharmazeutische Beratung.