Semaglutid und Tirzepatid: Wirkung, Unterschiede und Studienlage
Wirkmechanismus, Studien wie SURPASS-2 und SURMOUNT-5, Nebenwirkungen und Zulassung. Die Therapieentscheidung trifft die ärztliche Beratung.
Dieser Artikel dient der neutralen Gesundheitsinformation und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die genannten Wirkstoffe und Präparate sind verschreibungspflichtig oder befinden sich teilweise noch in klinischer Entwicklung. Dosiva spricht keine Empfehlung für ein bestimmtes Arzneimittel aus. Ob und welche Therapie geeignet ist, muss individuell ärztlich entschieden werden.
Es gibt kein pauschal „besseres“ Medikament.
Semaglutid (Ozempic, Wegovy) und Tirzepatid (Mounjaro, Zepbound) gehören zu den wichtigsten Wirkstoffen in der Adipositas- und Diabetestherapie. Doch wie unterscheiden sie sich in Wirkmechanismus, Studienlage und Nebenwirkungsprofil? Dieser Artikel vergleicht beide Wirkstoffe auf Basis aktueller Studiendaten.
Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Gesundheitsinformation und ersetzt keine ärztliche Beratung. Semaglutid und Tirzepatid sind verschreibungspflichtig. Alle genannten Studienergebnisse beziehen sich auf untersuchte Patientengruppen und sind keine Therapie- oder Dosierungsempfehlung. Über die Wahl eines Wirkstoffs entscheidet allein die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt. Dosiva gibt keine individuellen Therapieempfehlungen.
Wirkmechanismus im Vergleich
Semaglutid ist ein reiner GLP-1-Rezeptoragonist. Es imitiert das körpereigene Hormon GLP-1, verlangsamt die Magenentleerung, steigert das Sättigungsgefühl und senkt den Blutzuckerspiegel. Tirzepatid ist ein dualer Agonist: Es aktiviert sowohl den GLP-1- als auch den GIP-Rezeptor (glukoseabhängiges insulinotropes Polypeptid). Dieser doppelte Wirkmechanismus wird in der Fachliteratur als Erklärung dafür diskutiert, warum Tirzepatid in direkten Vergleichsstudien tendenziell stärkere Effekte auf Gewicht und Blutzucker zeigte.
Beide werden in der Regel einmal wöchentlich subkutan gespritzt und über mehrere Wochen einschleichend aufdosiert (Eskalationsschema gemäß Fachinformation). Die Halbwertszeit liegt bei Semaglutid bei etwa einer Woche, bei Tirzepatid bei rund fünf Tagen. Von Semaglutid existiert mit Rybelsus zusätzlich eine Tablettenform für Typ-2-Diabetes.
Wie GLP-1 im Körper wirkt
Semaglutid imitiert das körpereigene Hormon GLP-1. Die Wirkung läuft in mehreren Schritten ab. Scrolle durch die Stationen, oder lies sie der Reihe nach.
GLP-1-Rezeptor aktiviert
Der Wirkstoff imitiert das körpereigene Darmhormon GLP-1 und dockt an dessen Rezeptoren an. Damit setzt er die folgenden Effekte in Gang.
Magenentleerung verlangsamt
Die Nahrung verbleibt länger im Magen. Das Sättigungsgefühl hält dadurch länger an.
Sättigungsgefühl steigt
Über Signale an das Gehirn wird das Sättigungsgefühl gesteigert. Der Appetit nimmt ab, die aufgenommene Kalorienmenge sinkt.
Blutzucker sinkt
Die Blutzuckerregulation verbessert sich, der Blutzuckerspiegel sinkt. Ursprünglich wurde dieser Effekt zur Behandlung von Typ-2-Diabetes genutzt.
Schematische, vereinfachte Darstellung zur Veranschaulichung. Sie ersetzt keine ärztliche oder pharmazeutische Beratung.
Studienergebnisse: Gewichtsverlust
In der SURMOUNT-1-Studie erreichten Teilnehmer unter Tirzepatid (15 mg) einen durchschnittlichen Gewichtsverlust von rund 22,5 % nach 72 Wochen. Die STEP-1-Studie mit Semaglutid (2,4 mg) zeigte einen Gewichtsverlust von etwa 14,9 % nach 68 Wochen. Diese Zahlen stammen aus getrennten, placebokontrollierten Zulassungsstudien mit unterschiedlichen Kollektiven und sind daher nur eingeschränkt direkt vergleichbar.
Höchste geprüfte Dosis, gegen Placebo, in den jeweiligen Zulassungsstudien
Quelle: SURMOUNT-1 (Tirzepatid 15 mg, 72 Wochen) · STEP-1 (Semaglutid 2,4 mg, 68 Wochen), New England Journal of Medicine. Werte aus unterschiedlichen Studien (Dosis und Dauer abweichend), nur eingeschränkt vergleichbar.
Direkte Vergleichsstudien (Head-to-Head)
Aussagekräftiger als getrennte Studien sind direkte Vergleiche, in denen beide Wirkstoffe innerhalb derselben Studie geprüft wurden.
SURPASS-2 (Typ-2-Diabetes): In dieser Studie wurde Tirzepatid (5, 10, 15 mg) gegen Semaglutid 1 mg bei Menschen mit Typ-2-Diabetes getestet. Tirzepatid senkte den HbA1c stärker (etwa −2,01 bis −2,30 Prozentpunkte je nach Dosis gegenüber −1,86 unter Semaglutid 1 mg) und führte zu einer stärkeren Gewichtsabnahme.
SURMOUNT-5 (Adipositas ohne Diabetes): Im bislang direktesten Vergleich bei Adipositas erreichte Tirzepatid in der jeweils höchsten verträglichen Dosis einen mittleren Gewichtsverlust von −20,2 % gegenüber −13,7 % unter Semaglutid 2,4 mg. Auch der Anteil der Teilnehmer mit sehr ausgeprägtem Gewichtsverlust war unter Tirzepatid höher.
Zu beachten ist, dass SURPASS-2 Semaglutid in der Diabetesdosis (1 mg) und nicht in der höheren Adipositasdosis (2,4 mg) prüfte. Beide Studien stützen jedoch das Bild einer im Mittel stärkeren Wirkung von Tirzepatid.
Pharmakologie und Indikationen im Überblick
| Eigenschaft | Semaglutid (Ozempic, Wegovy, Rybelsus) | Tirzepatid (Mounjaro, Zepbound) |
|---|---|---|
| Wirkstoffklasse | GLP-1-Rezeptoragonist | dualer GIP- und GLP-1-Rezeptoragonist |
| Anwendung | wöchentliche Injektion; Rybelsus als Tablette (T2D) | wöchentliche Injektion |
| Zugelassene Indikationen (EU) | Typ-2-Diabetes (Ozempic, Rybelsus); Adipositas (Wegovy) | Typ-2-Diabetes; Adipositas (seit 2024) |
| Halbwertszeit | ca. 1 Woche | ca. 5 Tage |
| Hauptnebenwirkungen | Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Verstopfung | Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Verstopfung |
| Hypoglykämierisiko | gering (höher in Kombination mit Insulin/Sulfonylharnstoff) | gering (höher in Kombination mit Insulin/Sulfonylharnstoff) |
| Kardiovaskulärer Endpunktnachweis | ja (SELECT, 2023) | laufende Studien (z. B. SURPASS-CVOT) |
Klinische Studien im Vergleich
| Studie | Population | Wirkstoff / Dosis | Wesentliches Ergebnis |
|---|---|---|---|
| STEP-1 (2021) | Adipositas ohne Diabetes | Semaglutid 2,4 mg | −14,9 % Gewicht (vs. −2,4 % Placebo) |
| SURMOUNT-1 (2022) | Adipositas ohne Diabetes | Tirzepatid 5/10/15 mg | −15,0 / −19,5 / −22,5 % Gewicht (vs. −2,4 % Placebo) |
| SURPASS-2 (2021) | Typ-2-Diabetes | Tirzepatid vs. Semaglutid 1 mg | HbA1c −2,01 bis −2,30 vs. −1,86 Prozentpunkte |
| SURMOUNT-5 (2025) | Adipositas ohne Diabetes | Tirzepatid vs. Semaglutid 2,4 mg | −20,2 % vs. −13,7 % Gewicht |
| SELECT (2023) | Übergewicht/Adipositas mit Herzerkrankung, ohne Diabetes | Semaglutid 2,4 mg | 20 % weniger schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse |
Nebenwirkungen und Sicherheit
Beide Medikamente teilen ein ähnliches Nebenwirkungsprofil: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Verstopfung treten besonders in der Einschleichphase auf und nehmen im Verlauf meist ab. Therapieabbrüche wegen Nebenwirkungen lagen in den Studien grob im einstelligen Prozentbereich. In einigen Auswertungen zeigte Tirzepatid eine etwas geringere Rate an gastrointestinalen Beschwerden, was teils mit der GIP-Komponente in Verbindung gebracht wird; die Datenlage dazu ist jedoch nicht einheitlich.
Seltenere, aber relevante Risiken sind Pankreatitis, Gallensteine und vereinzelt Sehprobleme. Beide Wirkstoffe tragen einen Warnhinweis zu C-Zell-Tumoren der Schilddrüse und dürfen laut Fachinformation bei familiärer Vorgeschichte eines medullären Schilddrüsenkarzinoms (MEN2) nicht angewendet werden. Ein Vorteil bei Semaglutid: Mit der SELECT-Studie liegt ein nachgewiesener kardiovaskulärer Zusatznutzen vor; für Tirzepatid laufen entsprechende Endpunktstudien noch.
Verfügbarkeit und Kosten
Semaglutid ist in Deutschland seit Längerem verfügbar, sowohl als Ozempic (Diabetes) als auch als Wegovy (Adipositas). Tirzepatid ist als Mounjaro zugelassen; die EU-Zulassung umfasst seit 2024 auch die Adipositas-Indikation (in den USA unter dem Namen Zepbound). Die Kosten liegen für beide Wirkstoffe grob im Bereich von einigen hundert Euro monatlich und werden zur Gewichtsreduktion in der Regel nicht von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet.
Fazit
Beide Wirkstoffe zeigen in Studien deutliche Effekte auf Körpergewicht und Blutzucker. Direkte Vergleiche deuten auf eine im Mittel stärkere Wirkung von Tirzepatid hin, während für Semaglutid ein kardiovaskulärer Endpunktnachweis vorliegt. Welches Präparat im Einzelfall geeignet ist, entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt unter Berücksichtigung der individuellen Vorerkrankungen, der Verträglichkeit und der persönlichen Therapieziele. Es gibt kein pauschal „besseres“ Medikament.
Quellen
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- Jastreboff, A. M., Aronne, L. J., Ahmad, N. N., Wharton, S., Connery, L., Alves, B., Kiyosue, A., Zhang, S., Liu, B., Bunck, M. C., & Stefanski, A. (2022). Tirzepatide once weekly for the treatment of obesity. New England Journal of Medicine, 387(3), 205–216. https://doi.org/10.1056/NEJMoa2206038
- Frías, J. P., Davies, M. J., Rosenstock, J., Pérez Manghi, F. C., Fernández Landó, L., Bergman, B. K., Liu, B., Cui, X., & Brown, K. (2021). Tirzepatide versus semaglutide once weekly in patients with type 2 diabetes. New England Journal of Medicine, 385(6), 503–515. https://doi.org/10.1056/NEJMoa2107519
- Aronne, L. J., Horn, D. B., le Roux, C. W., Ho, W., Falcon, B. L., Gomez Valderas, E., Das, S., Lee, C. J., Glass, L. C., Senyucel, C., & Dunn, J. P. (2025). Tirzepatide as compared with semaglutide for the treatment of obesity (SURMOUNT-5). New England Journal of Medicine, 392(15), 1465–1478. https://doi.org/10.1056/NEJMoa2416394
- Lincoff, A. M., Brown-Frandsen, K., Colhoun, H. M., Deanfield, J., Emerson, S. S., Esbjerg, S., Hardt-Lindberg, S., Hovingh, G. K., Kahn, S. E., Kushner, R. F., Lingvay, I., Oral, T. K., Michelsen, M. M., Plutzky, J., Tornøe, C. W., & Ryan, D. H. (2023). Semaglutide and cardiovascular outcomes in obesity without diabetes. New England Journal of Medicine, 389(24), 2221–2232. https://doi.org/10.1056/NEJMoa2307563
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