Therapie & Medizin

Steigt nach dem Absetzen der Abnehmspritze das Herzinfarktrisiko um 22 Prozent?

Eine Schlagzeile meldet 22 Prozent mehr Herzinfarkte nach dem Absetzen der Abnehmspritze. Die zugrunde liegende Studie misst etwas anderes, bei anderen Menschen. Was sie trotzdem zeigt.

Hinweis: Dieser Artikel dient der neutralen Gesundheitsinformation und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die genannten Wirkstoffe und Präparate sind verschreibungspflichtig oder befinden sich teilweise noch in klinischer Entwicklung. Dosiva spricht keine Empfehlung für ein bestimmtes Arzneimittel aus. Ob und welche Therapie geeignet ist, muss individuell ärztlich entschieden werden.

Steigt nach dem Absetzen der Abnehmspritze das Herzinfarktrisiko um 22 Prozent?
Symbolbild (KI-generiert)

Am 28. September 2026 meldete das Portal Forschung und Wissen: Wer die Abnehmspritze absetzt, habe ein um 22 Prozent höheres Herzinfarktrisiko. Die Zahl stammt aus einer Studie, die seit März vorliegt. Sie ist sorgfältig gemacht und sagt etwas Wichtiges. Die Überschrift macht allerdings mehr daraus, als die Studie hergibt.

Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Gesundheitsinformation und ersetzt keine ärztliche Beratung. Alle genannten Arzneimittel sind verschreibungspflichtig. Über Nutzen und Risiken einer Behandlung entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt. Dosiva gibt keine individuellen Therapieempfehlungen. Alle Angaben beziehen sich auf den 29. September 2026.

Was die Studie untersucht hat

Die Untersuchung erschien am 18. März 2026 in der Fachzeitschrift BMJ Medicine. Sie kommt von einem Team um den Epidemiologen Ziyad Al-Aly vom Veteranen-Gesundheitssystem in St. Louis und der Washington University. Ausgewertet wurden Behandlungsdaten des US-Veteranenministeriums aus den Jahren 2017 bis 2023.

Verglichen wurden rund 132.600 Menschen, die einen GLP-1-Wirkstoff bekamen, mit rund 201.100 Menschen, die mit einem Sulfonylharnstoff behandelt wurden, einem älteren Diabetesmittel. Alle hatten Typ-2-Diabetes. Das Durchschnittsalter lag bei 66 Jahren, 92 Prozent waren Männer. Unter den GLP-1-Wirkstoffen war Semaglutid mit zwei Dritteln der häufigste, dazu kamen Liraglutid und Dulaglutid.

Methodisch handelt es sich um eine sogenannte Target-Trial-Emulation. Die Forschenden werten Beobachtungsdaten so aus, als stammten sie aus einer Studie mit Zufallszuteilung. Ein Experiment ist das nicht.

Was die 22 Prozent bedeuten

Gemessen wurde ein gemeinsamer Endpunkt aus Herzinfarkt, Schlaganfall und Tod aus jeder Ursache. Wie viele dieser Ereignisse Herzinfarkte waren, weist die Studie nicht gesondert aus.

Wer die GLP-1-Therapie durchgehend über drei Jahre bekam, hatte ein um 18 Prozent geringeres Risiko für eines dieser Ereignisse als die Vergleichsgruppe mit Sulfonylharnstoff. In absoluten Zahlen waren das knapp vier Ereignisse weniger je 100 Behandelte.

Die 22 Prozent beziehen sich auf eine andere Frage: Wie verändert sich das Risiko, wenn die GLP-1-Therapie unterbrochen wird? Nach einem halben Jahr Unterbrechung lag es um 4 Prozent höher als bei durchgehender Behandlung, nach einem Jahr um 14 Prozent und nach zwei Jahren um 22 Prozent.

Wo die Überschrift zu weit geht

  • Herzinfarkt: Die Studie misst Herzinfarkt, Schlaganfall und Tod zusammen.
  • Abnehmspritze: Alle Teilnehmenden hatten Typ-2-Diabetes und bekamen die Wirkstoffe zur Diabetesbehandlung. Für Menschen, die sie ohne Diabetes zum Abnehmen nutzen, liefert die Studie keine Aussage.
  • Wer untersucht wurde: überwiegend ältere Männer aus dem US-Veteranensystem. Die Autoren schreiben selbst, dass sich das nicht ohne Weiteres auf die Allgemeinbevölkerung übertragen lässt.
  • Ursache und Wirkung: Wer eine Therapie abbricht, hat dafür oft Gründe, die selbst das Risiko beeinflussen können. Die Forschenden haben viele Einflüsse herausgerechnet, schließen verbleibende Verzerrungen aber nicht aus. Das Studienprotokoll war vorab nicht registriert.

Der Text der Meldung von Forschung und Wissen nennt die meisten dieser Punkte korrekt. Die Überschrift, die geteilt wird, nennt keinen davon.

Was die Studie trotzdem zeigt

Der Zusammenhang wächst mit der Dauer der Unterbrechung, und das macht ihn glaubwürdiger als einen einzelnen Messwert. Er passt zu dem, was aus anderen Studien bekannt ist: Nach dem Absetzen steigen Gewicht, Blutdruck und Blutfette in vielen Fällen wieder an. Was nach einem Therapieende passiert und wie man sich darauf vorbereitet, beschreibt unser Artikel GLP-1-Therapie absetzen. Was die großen Herz-Kreislauf-Studien zu GLP-1-Wirkstoffen gezeigt haben, steht in GLP-1-Therapie und Herzgesundheit.

Für Patientinnen und Patienten mit Typ-2-Diabetes heißt das: Eine Unterbrechung sollte eine Entscheidung sein, die gemeinsam mit der Ärztin oder dem Arzt fällt. Bei Menschen mit Adipositas ohne Diabetes kommt ein weiterer Grund für ein Absetzen hinzu, die Kosten, weil die gesetzlichen Kassen Mittel zur Gewichtsreduktion in der Regel nicht erstatten. Wie wir das sehen, steht im Abschnitt über den Kontostand im Artikel zum Absetzen.

Quellen

Kein Medizinprodukt. Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche oder pharmazeutische Beratung.