Therapie & Medizin
GLP-1 bei Asthma und COPD: Was die Daten vom Lungenkongress zeigen und was noch fehlt
Auf dem Europäischen Lungenkongress wurde eine Auswertung vorgestellt, nach der Semaglutid bei Menschen mit Typ-2-Diabetes mit deutlich weniger Asthma-Anfällen und COPD-Verschlechterungen einherging. Wer untersucht wurde, wie groß die Gruppen waren und warum die Forschenden selbst bremsen.
Hinweis: Dieser Artikel dient der neutralen Gesundheitsinformation und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die genannten Wirkstoffe und Präparate sind verschreibungspflichtig oder befinden sich teilweise noch in klinischer Entwicklung. Dosiva spricht keine Empfehlung für ein bestimmtes Arzneimittel aus. Ob und welche Therapie geeignet ist, muss individuell ärztlich entschieden werden.
Ein Zusammenhang in Praxisdaten ist eine Frage an die Forschung. Eine Antwort für Patientinnen und Patienten wird daraus erst in randomisierten Studien.
Die Frankfurter Rundschau titelte am 19. September 2026, eine neue Studie zu einem Wirkstoff aus der Abnehmspritze gegen Asthma und COPD verblüffe die Forschenden. Die Arbeit dahinter ist ein Beitrag vom Kongress der European Respiratory Society, der Anfang September in Barcelona stattfand. Die Pressemitteilung dazu kam am 8. September.
Die Zahlen sind auffällig. Die Einschränkungen, die die Forschenden selbst dazu nennen, gehören mit in die Meldung.
Wer untersucht wurde
Das Team um Chloe Bloom vom National Heart and Lung Institute des Imperial College London hat Daten aus britischen Hausarztpraxen ausgewertet, das Clinical Practice Research Datalink. Alle Eingeschlossenen hatten einen Typ-2-Diabetes und zusätzlich Asthma oder COPD.
Verglichen wurden Menschen, die ein GLP-1-Medikament begannen, mit Menschen, die einen Sulfonylharnstoff begannen, ein älteres Diabetesmittel. Laut Fachportal Healio waren die Gruppen so groß:
| Begonnenes Medikament | Personen |
|---|---|
| Sulfonylharnstoffe (Vergleich) | 20.273 |
| Liraglutid | 2.694 |
| Dulaglutid | 2.303 |
| Semaglutid | 1.493 |
| Exenatid | 1.469 |
| Lixisenatid | 307 |
Was gefunden wurde
Gemessen wurden Exazerbationen, also akute Verschlechterungen, die eine zusätzliche Behandlung nötig machen.
| Weniger Exazerbationen als unter Sulfonylharnstoffen | |
|---|---|
| Semaglutid bei Asthma | 38 % |
| Semaglutid bei COPD | 21 % |
| Semaglutid insgesamt | 30 % |
| Exenatid insgesamt | 23 % |
| Dulaglutid insgesamt | 12 % |
| alle GLP-1-Medikamente zusammen | 14 % |
| Liraglutid, Lixisenatid | kein Zusammenhang |
Zwei weitere Befunde: Eine höhere Dosis ging nicht mit einem stärkeren Effekt einher. Und Veränderungen von Gewicht und Blutzucker veränderten den Zusammenhang nicht.
Warum die Forschenden selbst bremsen
Chloe Bloom sagt zu den Ergebnissen, sie sollten für sich allein keine Behandlungsentscheidungen ändern. Menschen mit Asthma oder COPD sollten GLP-1-Rezeptoragonisten nicht speziell wegen ihrer Lunge beginnen, außerhalb der geltenden Verordnungsregeln. Gegenüber Healio fügte sie hinzu, ein Teil des Nutzens könne durchaus auf Gewicht und Blutzucker zurückgehen, erkläre aber vermutlich nicht alles.
Dazu kommen Grenzen, die sich aus der Arbeit selbst ergeben:
- Beobachtungsdaten. Wer welches Medikament bekommt, entscheidet die Praxis. Unterschiede zwischen den Gruppen, die in den Daten nicht stehen, können das Ergebnis verzerren.
- Kleine Semaglutid-Gruppe. Das auffälligste Ergebnis beruht auf 1.493 Menschen. Wie viele davon Asthma und wie viele COPD hatten, ist nicht veröffentlicht.
- Keine absoluten Zahlen. Wie viele Exazerbationen in jeder Gruppe tatsächlich auftraten, ist nicht berichtet, nur die relativen Unterschiede.
- Uneinheitliches Bild. Innerhalb derselben Wirkstoffklasse zeigten zwei Medikamente keinen Zusammenhang. Eine einfache Erklärung für die ganze Klasse gibt es damit nicht.
- Nur Typ-2-Diabetes. Menschen mit Adipositas ohne Diabetes, also ein großer Teil derer, die heute GLP-1-Medikamente nehmen, waren nicht eingeschlossen.
- Kongressbeitrag. Eine begutachtete Veröffentlichung liegt nicht vor.
Alexander Mathioudakis von der Universität Manchester, der an der Studie nicht beteiligt war, sieht darin einen Hinweis, Stoffwechselgesundheit in der Lungenmedizin mitzudenken, und fordert klinische Studien mit Atemwegsendpunkten.
Was es an Studien gibt
Die Richtung ist nicht neu. Frühere Datenbankstudien hatten bei Menschen mit Asthma und Diabetes unter GLP-1-Rezeptoragonisten ebenfalls weniger Anfälle gefunden als unter anderen Diabetesmitteln.
Randomisiert geprüft ist bisher wenig. Eine dänische Studie mit 40 Menschen mit COPD und Adipositas verglich 2022 über 40 Wochen Liraglutid 3,0 mg mit Placebo. Unter Liraglutid verbesserten sich die Vitalkapazität, die Diffusionskapazität der Lunge und ein Fragebogen zur COPD-Belastung. Der wichtigste Lungenfunktionswert, die Einsekundenkapazität, veränderte sich nicht, ebenso wenig die Gehstrecke in sechs Minuten.
Laufende randomisierte Studien mit Lungenendpunkten, eingetragen bei ClinicalTrials.gov:
- Semaglutid gegen Placebo bei Erwachsenen mit Asthma und Adipositas (Vanderbilt University, 100 Teilnehmende, Hauptzielgröße ist die Asthmakontrolle),
- zwei Studien des Herstellers Eli Lilly mit einem noch nicht zugelassenen Wirkstoff, bei mittelschwerem bis schwerem Asthma (531 Teilnehmende, Hauptzielgröße Anfallsrate) und bei COPD (606 Teilnehmende, Hauptzielgröße Einsekundenkapazität).
Was die Leitlinien sagen
Die internationale Asthma-Strategie GINA erwähnt in ihrer Fassung von 2026 Datenbankstudien, nach denen Menschen mit Asthma und Diabetes unter GLP-1-Rezeptoragonisten seltener Anfälle haben. Als Asthmabehandlung empfiehlt sie diese Medikamente nicht.
Der COPD-Bericht GOLD 2026 nennt GLP-1-Rezeptoragonisten nur im Kapitel zu Begleiterkrankungen, etwa bei Diabetes, Adipositas und Schlafapnoe. Im Behandlungsschema der COPD kommen sie nicht vor.
Für Menschen mit Asthma oder COPD, die wegen Diabetes oder Übergewicht ohnehin ein GLP-1-Medikament bekommen, heißt das: Die Daten sind ein ermutigender Hinweis, kein Grund, die Lungenmedikamente zu verändern. Wie Gewichtsabnahme mit Schlafapnoe zusammenhängt, beschreibt unser Artikel zu GLP-1 und Schlafapnoe.
Quellen
- European Respiratory Society, Pressemitteilung vom 8. September 2026 zur Studie von Lee B., Bloom C. et al., vorgestellt auf dem ERS International Congress 2026 in Barcelona.
- Healio, 14. September 2026: Bericht über die Studie mit Gruppengrößen und Einzelergebnissen.
- Altintas Dogan A. D. et al., International Journal of Chronic Obstructive Pulmonary Disease, 2022; 17: 405 bis 414. DOI: 10.2147/COPD.S350133.
- Foer D. et al., American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine, 2021; 203: 831 bis 840.
- ClinicalTrials.gov: NCT05254314 (GATA-3), NCT07219173, NCT07759245, abgerufen am 26. September 2026.
- Global Initiative for Asthma: GINA Strategy Report 2026.
- Global Initiative for Chronic Obstructive Lung Disease: GOLD Report 2026.
- Frankfurter Rundschau, 19. September 2026: Ozempic-Wirkstoff gegen Asthma und COPD: Neue Studie verblüfft Forschende.
Kein Medizinprodukt. Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche oder pharmazeutische Beratung.