Medikamente
Semaglutid 7,2 mg: Was die höhere Dosis in den Studien gezeigt hat, für wen sie vorgesehen ist und was sie kostet
Seit September gibt es in Deutschland einen Einzeldosis-Pen mit 7,2 mg Semaglutid, dreimal so viel wie die bisherige Höchstdosis. Was die Zulassungsstudie gemessen hat, welche Nebenwirkungen häufiger werden, wer laut Fachinformation in Frage kommt und was Selbstzahlende mehr bezahlen.
Hinweis: Dieser Artikel dient der neutralen Gesundheitsinformation und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die genannten Wirkstoffe und Präparate sind verschreibungspflichtig oder befinden sich teilweise noch in klinischer Entwicklung. Dosiva spricht keine Empfehlung für ein bestimmtes Arzneimittel aus. Ob und welche Therapie geeignet ist, muss individuell ärztlich entschieden werden.
Drei Prozentpunkte mehr im Mittel, dreimal so viel Wirkstoff und fast viermal so häufig Missempfindungen der Haut: Das ist die Abwägung, um die es geht.
Seit Mitte September 2026 gibt es in deutschen Apotheken einen Fertigpen mit 7,2 mg Semaglutid für eine einzelne Wochendosis. Das ist dreimal so viel wie die Erhaltungsdosis von 2,4 mg, mit der die Adipositastherapie mit diesem Wirkstoff bisher endete.
Neu ist dabei vor allem die Form. Die Dosis selbst ist schon länger zugelassen.
Was wann zugelassen wurde
| Datum | Schritt |
|---|---|
| 12. Dezember 2025 | Positive Empfehlung des Humanarzneimittelausschusses der Europäischen Arzneimittel-Agentur für die Dosis 7,2 mg |
| Februar 2026 | Zulassung durch die Europäische Kommission. Gegeben wird die Dosis zunächst als drei Injektionen zu je 2,4 mg in einer Sitzung |
| Juli 2026 | Genehmigung des Einzeldosis-Pens mit 7,2 mg in 0,75 ml, zusammen mit der Semaglutid-Tablette |
| Mitte September 2026 | Der Pen ist in Deutschland erhältlich |
Die Fachinformation erlaubt heute beides: eine Injektion mit 7,2 mg oder, je nach Pen, drei Injektionen mit je 2,4 mg im Abstand von mindestens fünf Zentimetern.
Für wen die Dosis vorgesehen ist
Die Fachinformation ist an dieser Stelle knapp und eindeutig:
- Zuerst wird wie bisher über 16 Wochen auf 2,4 mg aufdosiert, wie in unserem Artikel zur Dosissteigerung beschrieben.
- Frühestens nach vier Wochen auf 2,4 mg kann „falls notwendig” auf 7,2 mg erhöht werden.
- Das gilt nur für Erwachsene, die zu Beginn der Behandlung einen BMI ab 30 hatten. Wer mit einem BMI zwischen 27 und 30 und einer Begleiterkrankung gestartet ist, ist davon ausgenommen.
- Bringt 7,2 mg keine weitere klinische Verbesserung des Körpergewichts, ist die Dosis wieder auf 2,4 mg zu senken.
- Für Jugendliche ab zwölf Jahren werden Dosen über 2,4 mg nicht empfohlen.
Die 7,2 mg sind damit eine mögliche Stufe nach der bisherigen Höchstdosis, kein neuer Einstieg.
Was die Zulassungsstudie gemessen hat
Die Studie STEP UP schloss 1.407 Erwachsene ohne Diabetes mit einem BMI ab 30 ein, im Mittel lag er bei 39,9. Sie wurden im Verhältnis 5 zu 1 zu 1 auf 7,2 mg, 2,4 mg oder Placebo verteilt, alle zusätzlich mit einem Programm aus Ernährung und Bewegung, über 72 Wochen. Finanziert hat die Studie der Hersteller.
| Mittlere Gewichtsänderung nach 72 Wochen | 7,2 mg | 2,4 mg | Placebo |
|---|---|---|---|
| alle Randomisierten, gleich ob sie die Behandlung durchgehalten haben | minus 18,7 % | minus 15,6 % | minus 3,9 % |
| angenommen, alle hätten die Behandlung wie geplant durchgehalten | minus 20,7 % | minus 17,5 % | minus 2,4 % |
Die erste Zeile ist der Wert, an dem sich die Studie messen lassen muss. Die zweite ist die Quelle der „rund 21 Prozent”, die in Herstellerangaben und Meldungen stehen.
Der Unterschied zwischen 7,2 und 2,4 mg beträgt 3,1 Prozentpunkte, mit einem Vertrauensbereich von 1,6 bis 4,7. Er ist statistisch klar belegt. Deutlicher fällt er am oberen Ende aus: Unter 7,2 mg erreichten mehr Menschen einen Gewichtsverlust von 20 oder 25 Prozent als unter 2,4 mg.
Eine zweite Studie, STEP UP T2D, prüfte die Dosis bei 512 Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes. Dort sank das Gewicht unter 7,2 mg um 13,2 Prozent, unter Placebo um 3,9 Prozent. Bei Diabetes fällt der Gewichtsverlust unter GLP-1-Therapien regelmäßig geringer aus.
Welche Nebenwirkungen häufiger werden
| In STEP UP berichtet | 7,2 mg | 2,4 mg | Placebo |
|---|---|---|---|
| Magen-Darm-Beschwerden | 70,8 % | 61,2 % | 42,8 % |
| Dysästhesie (veränderte Hautempfindung) | 22,9 % | 6,0 % | 0,5 % |
| schwerwiegende unerwünschte Ereignisse | 6,8 % | 10,9 % | 5,5 % |
Der auffälligste Wert ist die Dysästhesie. Gemeint sind Kribbeln, Brennen, Hautschmerzen oder eine ungewohnte Berührungsempfindlichkeit, ohne dass an der Haut etwas zu sehen ist. Unter 2,4 mg ist das selten, unter 7,2 mg betraf es knapp jede vierte Person. Laut Fachinformation waren die meisten Ereignisse leicht bis mittelschwer, und 85 Prozent klangen während der weiteren Behandlung ab.
Auch Haarausfall wurde in den STEP-UP-Studien häufiger gemeldet: bei 5,3 Prozent unter 7,2 mg gegenüber 1,0 Prozent unter Placebo. Mehr dazu im Artikel zu Haarausfall unter GLP-1-Therapie.
Bei den schwerwiegenden Ereignissen lag die 2,4-mg-Gruppe höher als die 7,2-mg-Gruppe. Diese Gruppe war mit 201 Personen fünfmal kleiner, einzelne Fälle verschieben den Anteil dort stärker.
Was die höhere Dosis kostet
Stand 26. September 2026 kostet die Packung mit vier Einzeldosis-Pens zu 7,2 mg in Apotheken 383,80 Euro. Die Packung mit 2,4 mg für vier Wochen kostet 277,60 Euro. Der Schritt auf die höhere Dosis kostet damit 106,20 Euro mehr je vier Wochen, aufs Jahr gerechnet rund 1.380 Euro.
Die gesetzliche Krankenversicherung übernimmt keine der beiden Dosierungen. Arzneimittel, die überwiegend der Regulierung des Körpergewichts dienen, sind nach § 34 Absatz 1 SGB V ausgeschlossen, unabhängig von der Dosis. Wie die Debatte darüber steht, beschreibt unser Artikel zur Erstattung durch die Krankenkassen.
Wie man die Studienlage einordnet
- Die höhere Dosis bringt im Mittel etwas mehr Gewichtsverlust. Sie bringt zugleich mehr Magen-Darm-Beschwerden, deutlich mehr Missempfindungen der Haut und höhere Kosten.
- Die Studie lief 72 Wochen. Was nach mehreren Jahren auf 7,2 mg passiert, zeigt sie nicht.
- Die Daten zur Senkung des Herz-Kreislauf-Risikos stammen aus der Studie SELECT mit 2,4 mg. Mehr dazu im Artikel zur Herzgesundheit unter GLP-1-Therapie.
- In STEP UP wurden alle Teilnehmenden im Rahmen der Studie aufdosiert. Die Frage aus dem Alltag, ob jemand nach einem Jahr auf 2,4 mg und einem Gewichtsplateau von der Erhöhung profitiert, beantwortet sie nur indirekt. Zum Plateau selbst siehe Gewichtsplateaus unter GLP-1-Therapie.
- Ob eine Erhöhung im Einzelfall sinnvoll ist, hängt von Verträglichkeit, Verlauf und Begleiterkrankungen ab. Das gehört ins Gespräch mit der behandelnden Praxis.
Haltung von dosiva: Wir halten den pauschalen Ausschluss nach § 34 SGB V für falsch und treten dafür ein, Adipositas-Medikamente nach ärztlicher Notwendigkeit zu erstatten. Die höhere Dosis macht das Problem sichtbarer. Ob jemand auf 7,2 mg erhöht, soll nach Verlauf, Verträglichkeit und Begleiterkrankungen entschieden werden. Unter den heutigen Regeln entscheidet dabei auch, ob jemand 106 Euro im Monat zusätzlich aufbringen kann. Diese Position ist schärfer als die der Fachgesellschaften und als unsere Haltung gekennzeichnet, nicht als Studienergebnis.
Quellen
- Wharton S. et al.: Once-weekly semaglutide 7·2 mg in adults with obesity (STEP UP): a randomised, controlled, phase 3b trial. The Lancet Diabetes & Endocrinology, 2025; 13(11): 949 bis 963. DOI: 10.1016/S2213-8587(25)00226-8.
- Lingvay I. et al.: Once-weekly semaglutide 7·2 mg in adults with obesity and type 2 diabetes (STEP UP T2D): a randomised, controlled, phase 3b trial. The Lancet Diabetes & Endocrinology, 2025; 13(11): 935 bis 948. DOI: 10.1016/S2213-8587(25)00225-6.
- Europäische Arzneimittel-Agentur: Fachinformation Semaglutid (Wegovy), Abschnitte 2, 4.2 und 4.8, abgerufen am 26. September 2026.
- Europäische Kommission: Unionsregister der Arzneimittel, Beschlüsse zu Wegovy vom 16. Februar 2026 und 14. Juli 2026.
- Apotheke Adhoc, 24. September 2026: Neue Dosierung: Wegovy-Spritze als 7,2-mg-Einzeldosis-Pen.
- Apotheke Adhoc, 4. März 2026: Abnehmspritze: EU-Zulassung für Wegovy 7,2 mg.
- Apothekenverkaufspreise laut Preisvergleich, abgerufen am 26. September 2026.
- Sozialgesetzbuch V, § 34 Absatz 1.
Kein Medizinprodukt. Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche oder pharmazeutische Beratung.