Therapie & Medizin

Tirzepatid bei Herzschwäche mit Adipositas: Studie, Leitlinie und Zulassung

Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie empfiehlt seit August 2026, Semaglutid oder Tirzepatid bei Herzschwäche mit erhaltener Pumpfunktion und Adipositas zu erwägen. Eine eigene Zulassung dafür gibt es in der EU nicht. Was die Studie SUMMIT zeigt und was das für die Kosten bedeutet.

Hinweis: Dieser Artikel dient der neutralen Gesundheitsinformation und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die genannten Wirkstoffe und Präparate sind verschreibungspflichtig oder befinden sich teilweise noch in klinischer Entwicklung. Dosiva spricht keine Empfehlung für ein bestimmtes Arzneimittel aus. Ob und welche Therapie geeignet ist, muss individuell ärztlich entschieden werden.

Tirzepatid bei Herzschwäche mit Adipositas: Studie, Leitlinie und Zulassung
Symbolbild (KI-generiert)
Die Behörde erkennt die Wirkung an und verweist auf eine Zulassung, die die gesetzlichen Krankenkassen nicht bezahlen dürfen.

Seit dem 28. August 2026 empfiehlt die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) in ihrer neuen Leitlinie zur Herzinsuffizienz erstmals zwei Wirkstoffe aus der Adipositastherapie: Semaglutid oder Tirzepatid sollen bei Menschen mit Herzschwäche und Adipositas erwogen werden. Sieben Monate vorher hatte die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) entschieden, Tirzepatid dafür keine eigene Zulassung zu geben. Beide Entscheidungen stützen sich für Tirzepatid auf dieselbe Studie.

Dieser Artikel erklärt die Studie, die beiden Entscheidungen und die Folgen für die Kostenübernahme in Deutschland.

Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Gesundheitsinformation und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die genannten Wirkstoffe sind verschreibungspflichtig. Für die Behandlung der Herzschwäche ist keiner von ihnen in der EU eigens zugelassen. Dosiva gibt keine individuellen Therapieempfehlungen. Über Nutzen und Risiken einer Behandlung entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt. Alle Angaben beziehen sich auf den 28. September 2026.

Was Herzschwäche mit erhaltener Pumpfunktion bedeutet

Bei dieser Form der Herzinsuffizienz, in der Fachsprache HFpEF, wirft das Herz pro Schlag noch einen normalen Anteil seines Blutes aus. Der Herzmuskel füllt sich aber schlecht. Die Folgen sind Atemnot bei Belastung, Erschöpfung und Wasser in den Beinen. Nach dem Bewertungsbericht der EMA betrifft diese Form etwa die Hälfte aller Menschen mit Herzinsuffizienz, und etwa die Hälfte von ihnen hat eine Adipositas.

Was die Studie SUMMIT geprüft hat

Die Studie SUMMIT, veröffentlicht im New England Journal of Medicine, hat 731 Erwachsene mit Herzschwäche, einer Pumpleistung (Ejektionsfraktion) von mindestens 50 Prozent und einem BMI ab 30 untersucht. Die eine Hälfte bekam einmal wöchentlich Tirzepatid bis 15 Milligramm, die andere ein Scheinmedikament, jeweils zusätzlich zur üblichen Behandlung. Knapp die Hälfte hatte zusätzlich einen Typ-2-Diabetes. Nachbeobachtet wurde im Median rund zwei Jahre. Bezahlt hat die Studie der Hersteller Eli Lilly.

Die Ergebnisse laut europäischer Fachinformation, Abschnitt 5.1:

Tirzepatid (364)Placebo (367)
Tod aus Herz-Kreislauf-Ursache oder Verschlechterung der Herzschwäche36 (9,9 %)56 (15,3 %)
darunter Verschlechterung der Herzschwäche29 (8,0 %)52 (14,2 %)
darunter Klinikaufenthalt wegen Herzschwäche12 (3,3 %)26 (7,1 %)
Tod aus Herz-Kreislauf-Ursache10 (2,7 %)5 (1,4 %)
Gewicht nach 52 Wochenminus 15,7 %minus 2,2 %
Gehstrecke in sechs Minuten nach 52 Wochenplus 38 Meterplus 8 Meter

Als Verschlechterung zählten ein Klinikaufenthalt, ein dringender Arztbesuch oder eine Erhöhung der Entwässerungsmittel wegen der Herzschwäche. Beschwerden und Einschränkungen im Alltag, gemessen mit einem Fragebogen, besserten sich unter Tirzepatid stärker. Wegen Nebenwirkungen, vor allem Magen-Darm-Beschwerden, brachen 6,3 Prozent die Behandlung ab, unter Placebo 1,4 Prozent.

Wo die Studie an Grenzen stößt

  • Todesfälle: Der Vorteil beim Hauptendpunkt kommt aus weniger Verschlechterungen. Todesfälle aus Herz-Kreislauf-Ursache gab es unter Tirzepatid 10, unter Placebo 5, in der Erstveröffentlichung waren es 8 gegen 5. Für eine Aussage in die eine oder andere Richtung sind das zu wenige Ereignisse.
  • Nur Adipositas: Eingeschlossen war nur, wer einen BMI ab 30 hatte. Ob Menschen mit Herzschwäche und geringerem Gewicht profitieren, ist offen.
  • Gewicht oder Herz: Ob Tirzepatid über die Gewichtsabnahme hinaus auf das Herz wirkt, lässt sich aus der Studie nicht trennen.
  • Größe und Dauer: 731 Menschen über rund zwei Jahre sind für eine Herzstudie wenig. Die große Endpunktstudie SURMOUNT-MMO mit rund 15.000 Teilnehmenden, die auch Ereignisse der Herzschwäche zählt, läuft noch.

Was die Behörden entschieden haben

Der Hersteller hatte beantragt, Tirzepatid ausdrücklich zur Behandlung der Herzschwäche mit erhaltener Pumpfunktion bei Adipositas zuzulassen. Der Ausschuss für Humanarzneimittel der EMA hat eine solche eigene Indikation am 29. Januar 2026 nicht akzeptiert. In seinem Bewertungsbericht nennt er die Gründe: Tirzepatid habe die Sterblichkeit aus Herz-Kreislauf-Ursache nicht gesenkt, untersucht seien nur Menschen mit Adipositas, und unklar bleibe, ob die Wirkung unabhängig vom Gewichtsverlust ist.

Dazu kommt ein formaler Grund. Wer eine Adipositas hat, fällt schon unter die bestehende Zulassung zur Gewichtsregulierung. Die Anwendung bei Herzschwäche mit Adipositas sei damit bereits abgedeckt. Die Studiendaten stehen seitdem in der Fachinformation, mit einem Verweis im Anwendungsgebiet Gewichtsregulierung. Bei der Schlafapnoe ist die EMA genauso verfahren, ebenso bei den Herz-Kreislauf-Daten aus SURPASS-CVOT.

In den USA gibt es ebenfalls keine Zulassung für die Herzschwäche. Eli Lilly hat den Antrag im Mai 2025 zurückgezogen, weil die FDA eine weitere Bestätigungsstudie verlangt hatte.

Was die Leitlinie empfiehlt

Die ESC-Leitlinie vom 28. August 2026 formuliert: Semaglutid oder Tirzepatid sollten bei Menschen mit Herzschwäche mit Beschwerden, einer Pumpleistung ab 45 Prozent und einem BMI ab 30 erwogen werden, mit oder ohne Diabetes. Als Ziel nennt die Empfehlung, das Körpergewicht zu senken sowie Belastbarkeit und Lebensqualität zu verbessern. Weniger Klinikaufenthalte oder Todesfälle nennt sie nicht als Ziel.

Die Empfehlung hat die Klasse IIa, die zweithöchste Stufe der ESC. Für Semaglutid stützt sie sich auf die Studie STEP-HFpEF mit 529 Menschen ohne Diabetes. Hauptzielgrößen waren dort Beschwerden und Gewicht, Klinikaufenthalte und Todesfälle wurden nur nachrangig ausgewertet.

Was das in Deutschland bedeutet

Verordnen darf eine Ärztin oder ein Arzt Tirzepatid bei Herzschwäche mit Adipositas im Rahmen der Zulassung zur Gewichtsregulierung. Bezahlen darf die gesetzliche Krankenversicherung es in diesem Anwendungsgebiet nicht. Paragraf 34 Absatz 1 SGB V schließt Arzneimittel aus, die überwiegend zur Regulierung des Körpergewichts dienen. Der Gemeinsame Bundesausschuss hat Tirzepatid zur Gewichtsregulierung am 19. September 2024 in die Liste dieser Lifestyle-Arzneimittel aufgenommen, in Kraft seit dem 13. Dezember 2024.

Anders ist es bei einem Typ-2-Diabetes. Zur Behandlung des Diabetes bleibt Tirzepatid laut G-BA Kassenleistung. Wer keinen Diabetes hat, zahlt selbst. Was bei der Kostenübernahme sonst gilt, steht in unserem Artikel zu GLP-1-Medikamenten auf Rezept.

Unsere Haltung

Das Folgende ist unsere Position, nicht der Stand der Studienlage.

Die EMA erkennt an, dass Tirzepatid bei Herzschwäche mit Adipositas Verschlechterungen verringert, und verweist für die Anwendung auf die Zulassung zur Gewichtsregulierung. Genau diese Zulassung ist in Deutschland von der Kassenleistung ausgeschlossen. Für Menschen mit Herzschwäche ohne Diabetes entscheidet damit ein pauschaler Ausschluss im Gesetz über die Kosten. Die behandelnde Praxis hat darauf keinen Einfluss.

Wir fordern, den Ausschluss von Arzneimitteln zur Gewichtsregulierung in Paragraf 34 Absatz 1 SGB V zu streichen, damit die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt nach medizinischer Notwendigkeit entscheidet.

Die Gegenargumente gehören dazu. Die Sterblichkeit hat SUMMIT nicht gesenkt, und ob die Wirkung über das Gewicht hinausgeht, ist offen. Eine Heidelberger Modellrechnung für Semaglutid bei derselben Erkrankung kommt über fünf Jahre auf rund 30.400 Euro je gewonnenem qualitätsbereinigtem Lebensjahr, schätzt die Mehrausgaben der Kassen im ersten Jahr aber auf 168 bis 864 Millionen Euro. Über Preis und Auswahl der Behandelten muss deshalb verhandelt werden. Diese Fragen kann eine reguläre Nutzenbewertung klären, wie sie für andere neue Arzneimittel üblich ist.

Quellen

Kein Medizinprodukt. Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche oder pharmazeutische Beratung.